​​DER KLUGE KAMMERDIENER

Märchen

Eine Schulaufgabe für meinen kleinen Bruder


In einem großen und prächtigen Königreich regierte vor langer, langer Zeit ein alter und mächtiger König namens Kronin. Er lebte zusammen mit seiner Königin Mathilda und seiner einzigen Tochter Iliane in einem wunderschönen Schloss. Die Königsfamilie war reich, und deshalb sorgte eine ganze Heerschar von Bediensteten für ihr Wohl. Darunter auch der junge Kammerdiener Ferdinand, der seit einigen Monaten auf dem Schloss arbeitete. Er stammte aus einfachem Hause, wahr aber dennoch sehr gebildet und gescheit.

Dies war auch der jungen Königstochter sehr bald aufgefallen, und es gefiel ihr sichtlich. Wenn Ferdinand Botengänge oder andere Aufträge für sie erledigte, sprach sie immer etwas länger mit ihm, als es nötig gewesen wäre. Sie entdeckte dabei viele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen beiden und schätzte neben seiner Klugheit vor allem seine Freundlichkeit und Ehrlichkeit. Sie holte ihn deshalb immer öfter zu sich, und im Laufe der Zeit wurde er ihr Vertrauter und Freund. In den Stunden, die sie mit ihm verbrachte, fühlte sie sich zufriedener und glücklicher als jemals zuvor. Auch Ferdinand erging es nicht anders, denn niemals hatte er sich besser mit einem Menschen verstanden als mit Iliane. Nach einigen Monaten schließlich, in denen sie sich immer näher gekommen waren, bemerkten sie schließlich, dass sie sich ineinander verliebt hatten und sich nie wieder trennen mochten.

Aus diesem Grunde wollten sie heiraten, doch genau darin lag das Problem. Ilianes Vater nämlich, der mächtige König Kronin, wollte sie unbedingt mit einem Prinzen des Nachbarreiches verheiraten, um sein eigenes Land noch größer und mächtiger zu machen. Als Ferdinand trotzdem mit Iliane vor dessen Thron trat und mutig um ihre Hand anhielt, da spottete der König nur und rief: „Was! Du armer Wicht und Taugenichts willst meine Tochter zur Frau nehmen? Niemals!“ Iliane weinte bitterlich, und auch Ferdinand wusste sich keinen Rat. Aber Ilianes Mutter, die gewitzte Königin Mathilda, stand auf ihrer Seite. Sie freute sich über die Liebe der beiden und kannte auch Ferdinand gut genug, um auf eine List zu sinnen.

Sie zerrte den König in ihre Gemächer und stellte ihn zur Rede: „Willst Du Dein einziges Kind ins Unglück stürzen? Wie kannst Du so herzlos sein? Verhält sich so etwa ein Vater?“ – „So verhält sich ein König.“, entgegnete Kronin. „Es gibt wichtigere Dinge als ein flüchtiges Glück.“ Mathilda wusste, dass sie ihn auf diese Weise nicht überzeugen konnte, aber sie ahnte auch, dass es noch einen anderen Grund für seine Ablehnung gab. An dieser Stelle konnte sie ihn packen: „Ich kenne dich!“, sprach sie gebieterisch. „Du glaubst, dass alle Menschen, die arm sind, auch wenig Verstand besitzen, und du denkst deshalb, dass Ferdinand nicht gut genug für Deine Tochter ist.“ – „Unsinn!“, prustete Kronin, aber er fühlte sich ertappt. „Ich schlage Dir deshalb ein Geschäft vor.“, setzte die Königin nach: „Du stellst Ferdinand ein kniffliges Rätsel, das du selbst ausgewählt hast. Er soll es lösen, und niemand darf ihm dabei helfen. Schafft er es trotzdem, bekommt er Iliane zur Frau. Tut er es nicht, muss er unser Königreich für immer verlassen. Was hältst Du davon?“ Kronin überlegte: Er wollte die Hochzeit um jeden Preis verhindern. Sollte er sie aber einfach verbieten, würde seine Tochter sehr unglücklich darüber sein und ihm das niemals verzeihen. Das könnte sehr unangenehm werden. Sollte er dagegen das Rätsel stellen und Ferdinand daran scheitern, wäre nicht nur die Hochzeit gestorben, sondern vermutlich auch Iliane von ihrem Verehrer enttäuscht und würde sich irgendwann beruhigen. Das wäre die Lösung. Und da Kronin dem armen Ferdinand nicht viel zutraute, fühlte er sich sicher und willigte ein. Mathilda aber war sehr froh darüber und lächelte still in sich hinein. Beide gingen zurück in den Thronsaal, und der König verkündete seine Entscheidung. Am nächsten Tag wollte er das Rätsel stellen.

Am Morgen kamen alle wieder im Thronsaal zusammen, und Kronin sprach zu Ferdinand: „Du siehst hier sieben gleich große Säcke, die auch gleich viele Goldmünzen enthalten. Dazu noch zwei Helfer und eine Waage. In einem der Säcke sind falsche Münzen, in allen anderen echte. Die falschen wiegen fünf Gramm, die echten zehn Gramm. Ansonsten kannst Du sie nicht voneinander unterschieden. Du musst herausfinden, in welchem Sack die falschen Münzen sind, darfst aber die Säcke nicht hochheben und auch die Waage nur ein einziges Mal benutzen. Für die Lösung hast Du eine Stunde Zeit.“ Für Ferdinand ging es um sehr viel: Um seine geliebte Iliane, um sein ganzes Glück, und er merkte, dass es eine schwierige Aufgabe war. Er versuchte deshalb, ruhig zu bleiben und alles Schritt für Schritt zu überlegen: „Ich muss die Münzen vergleichen, und dafür kommt nur ihr Gewicht in Frage. Ich kann aber die Säcke nicht nacheinander wiegen, weil ich die Waage nur einmal benutzen darf. Einen Sack allein oder alle Säcke gemeinsam daraufzustellen, wäre zwar möglich, aber nicht besonders hilfreich, weil ich sie dann nicht vergleichen kann. Verflixt! Ich muss einen Weg finden, ihr Gewicht zu unterscheiden, auch wenn sie alle gleichzeitig auf der Waage stehen.“ Dazu viel ihm lange Zeit nichts ein. Plötzlich jedoch ging ihm ein Licht auf: „Wer hat denn gesagt, dass ich die Säcke im Ganzen daraufstellen muss. Ich kann sie doch aufmachen und einzelne Münzen herausnehmen. Natürlich! Wenn ich aus jedem Sack eine andere Menge nehme, kann ich die Säcke unterscheiden, noch bevor ich sie überhaupt gewogen habe und obwohl alle Münzen gleich aussehen. Ha! Ich darf nur die Mengen nicht vermischen und muss mir merken, aus welchem Sack ich sie geholt habe. Wenn ich sie danach gemeinsam auf die Waage lege, werde ich am Gesamtgewicht erkennen, wie viele der Münzen falsch sind und aus welchem Sack sie stammen. So geht’s.“ Ferdinand machte sich munter ans Werk. Er nahm aus dem ersten Sack eine Münze, aus dem zweiten Sack zwei Münzen, aus dem dritten Sack drei und immer so weiter, bis er schließlich sieben Münzen aus dem siebten Sack genommen hatte. Iliane und Mathilda schauten ihm hoffnungsvoll zu, nur Kronin war ziemlich erschrocken, denn er ahnte, dass Ferdinand die richtige Lösung gefunden hatte. Die Zeit war fast abgelaufen. Insgesamt hatte Ferdinand nun 28 Münzen aus den sieben Säcken geholt und legte sie, in sieben verschiedene Stapel sortiert, vorsichtig auf die Waage. Kronin hatte gesagt, dass die echten Münzen zehn Gramm wiegen, die falschen dagegen nur fünf. Wären also alle Münzen echt gewesen, hätten sie zusammen 280 Gramm wiegen müssen. Die Waage zeigte aber nur 255 Gramm an, d.h. es fehlten 25 Gramm zum vollen Gewicht. Dieser Abstand konnte nur durch die falschen Münzen entstanden sein, die jeweils fünf Gramm wiegen, und da 25, geteilt durch fünf, fünf ist, waren also von den 28 Münzen insgesamt fünf Stück falsch. Diese wiederum konnten nur aus dem fünften Sack stammen, weil Ferdinand nur dort genau fünf Münzen entnommen hatte. Und das war des Rätsels Lösung! Zufrieden und siegessicher schaute er deshalb zum König empor und rief gerade noch rechtzeitig: „Nummer Fünf! Hier im fünften Sack sind die falschen Münzen.“

Alle warteten nun gespannt auf Kronins Antwort. Der konnte sich kaum fassen und war sichtlich verärgert darüber, dass Ferdinand die richtige Antwort gefunden hatte. Aber seine Ehre verbot es ihm, die eingegangene Abmachung zu brechen: „Ja, ja, Du hast gewonnen!“, brachte er grimmig hervor. „Wenn sie Dich immer noch will, kannst Du Iliane zur Frau nehmen, aber geh’ mir möglichst schnell aus den Augen!“ Er stürmte mit rotem Kopf aus dem Saal. Iliane aber lief schnell in Ferdinands Arme und herzte und küsste ihn überglücklich. Auch ihre Mutter Mathilda trat zu den beiden und beglückwünschte ihren zukünftigen Schwiegersohn zu seiner außergewöhnlichen Leistung. Und natürlich war sie stolz auf die wunderbare Idee, die sie gehabt hatte, und lies sich das Lob und den Dank der beiden Verliebten gern gefallen. Nun war es Kronin, der sich allmählich beruhigen musste. Im Grunde aber gönnte er Iliane ihr Glück und lernte auch Ferdinand mit der Zeit immer besser kennen und schätzen. Zu ihrer Hochzeit hatte er seinen Zorn schließlich vergessen und gab deshalb ein rauschendes Fest für das junge Paar auf seinem Schloss. Dort lebten sie dann alle gemeinsam und waren glücklich bis ans Ende ihrer Tage.



Gerald Grundmann

© 2015 by Gerald Grundmann

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