GESANG AN DAS WASSER

 

2. Fassung



Ich stach in off’ne See und ging darin verloren,
gab alles ein und fand danach es nie mehr wieder.
Auf Wogen, die im Nu so steil empor mich trugen,
dass ich einmal gewagt zu ahnen höchstes Glücke.
Bis sie am Gipfel spitz sie kehrten sich zurücke
und mit gestauter Kraft verbündet nach mir schlugen.
So fiel ich um mich selbst und taumelte hernieder,
sah in die Flut und mich zum Untergang erkoren.

Die Aussicht konnte stets nur mit dem Wagnis steigen,
dem Wagnis freilich wohnt von je das Scheitern inne,
doch stieg in seinem Sog zugleich auch mein Verlangen,
ließ über alle Furcht mich eilig Brücken bauen.
Bis off’nen Auges ich die Täuschung musste schauen,
die mir der Wille Trieb, die Hoffnung, stets verhangen:
Der Ausgang ahnte sich lang vor dem Anbeginne,
weil höchste Kämme sich im tiefsten Tal nur zeigen.

Mein suchender Verstand ließ gerne sich befangen
von Tiefe, die dem Blick des Forschers nie gewogen
und gütig sich allein vor meinem Willen klarte,
als Frage und Befund entsprungen einer Quelle.
Bis schäumende Gewalt mich fortriss von der Stelle,
mein Trachten, stolz und kühn, als eitel offenbarte,
und mir, was ganz gewiss, den Sinnen ganz entzogen.
Ich hielt mich daran fest, doch konnte es nicht langen.

Mein ungeübtes Herz ließ dankbar sich erfassen
von Schönheit, die kein Wort des Dichters je benannte
und sich zu ihrem Bild vor meinem Blick erst fügte,
als Glanz und Widerglanz sich schenkten, wie sie fanden.
Bis ihr beschämter Zorn ihn wühlte jäh zuschanden,
nicht Tat noch alles Fleh’n zu retten ihn genügte
und meinen Unwert ich, zu retten mich, bekannte.
Ich sollt‘ es können wohl, doch konnte mich nicht lassen.

Woraus das Leben kam, dort mag es ewig enden.
Die Macht, zu geben, gleicht der Gabe, zu vernichten.
Doch wuchs in meinem Keim, der zu sich selbst gekommen,
die Ahnung eines Sinns, der Einheit allen Lebens.
Bis Zweifel mich bezwang, ob alle Müh vergebens,
da Kraft, die sich verkennt, noch niemals eingenommen.
So kam die Flut in Wellen, den Freund wie Feind zu richten,
und gab sich der Natur, statt mutig sie zu wenden.

Ich tauchte kaum empor und fühlte mich noch eben,
verlustig aller Kraft, den Mut mir ausgetrieben,
den Willen und das Grat, gebogen nicht, gebrochen,
verfluchend das Geschick, verfluchend alles Hoffen.
Bis, außer schnellen Tod, ein letzter Weg mir offen,
der niemals täuschen kann, was niemals er versprochen.
Wenn aller Rausch nur kurz und ewig, was geblieben,
steh‘ ferne ich der See, muss seichten Wassers leben.


Gerald Grundmann