WELCHER SCHRITT

 

I.
Nur welcher Schritt, auf dass sie wirklich sei,
der Mühen aller glückliche Vollendung,
der Sinn und Grund der innigen Verschwendung?
Nur welcher Schritt erhebt dich schließlich frei?

Du musstest eines Tages zu dir kommen,
um auszuschauen, wer du wirklich bist.
Hast dich in deine Hände fest genommen
und voller Zutraun selbst dich wachgeküsst.

Und fandest manchen Ansatz früher Klarheit,
der ungeschützt zwar, schwach, doch fühlbar rein:
Und wenn dies Finden tätig wär’, muss Wahrheit
in ganzer Würde dir noch möglich sein.

Du musstest dieser Ahnung alles geben,
hast sie vom ersten Keime groß gepflegt,
zur Nahrung und zum Wohl dem jungen Leben
all Zeit und Kräfte neidlos vorgelegt.

Und mochtest dir die Wohltat nicht versagen:
Dies Schaffen, welche Freude, welche Lust!
Ein Wachsen, wie nur einst in Kindertagen,
doch aus dir selbst gewonnen, vollbewusst.

Nur welcher Schritt, auf dass sie wirklich sei,
der Mühen aller glückliche Vollendung,
der Sinn
und Grund der innigen Verschwendung?
Nur welcher Schritt erhebt dich schließlich frei?

 

 

II.
Du musstest dir die Antwort einst vollbringen
zur Frage, die vor allen Fragen war,
wie letzte Gründung gänzlich zu erringen
und wie sie sei als solche offenbar.

Und sahst sie leuchten hell im eignen Spiegel,
denn sie nur, wenn sie ihren Namen nennt,
ist gültig’ Maß und ungebrochen
Siegel:
Es weiß nur, wer sich selbst dabei erkennt.

Du musstest sie zu deinem Maß erheben
und nahmst in ihren Dienst dich willig auf.
Sie leite dich, sie leite neues Leben
und richte deinen alten Irrungslauf.

Und stürztest dich in ungezählten Stunden
voll Hoffnung in den Streite wider dich,
der fest geglaubte Grenzen überwunden
und raubte, wie er schenkte, brüderlich.

Nur welcher Schritt, auf dass sie wirklich sei,
der Mühen aller glückliche Vollendung,
der Sinn
und Grund der innigen Verschwendung?
Nur welcher Schritt erhebt dich schließlich frei?

 

 

III.
Du musstest dich nun unbestreitbar glauben,
als erste Tat dir letzter Unterpfand,
denn ihr, die sich genug, der nichts zu rauben,
sind Grenzen nicht und ewiger Bestand.

Und folgtest deinem Drang, sie anzupreisen,
ludst wahllos, sie mit dir zu schauen, ein:
Unmöglich doch, sie ernstlich fortzuweisen!
Was wahr ist, muss für jeden sichtbar sein.

Du musstest auf die harten Mauern schlagen,
die lustvoll diese Welt, dir kaum vertraut,
zu stürmen mit dem Kopf dir aufgetragen,
als du dir deine eigene erbaut.

Und sahst darin ein anderes Gesetze,
das dir den Zutritt schon von je versagt,
wo Wahrheit tauscht mit Einigkeit die Plätze
und dem Beschluss zufolge nicht gefragt.

Nur welcher Schritt, auf dass sie wirklich sei,
der Mühen aller glückliche Vollendung,
der Sinn
und Grund der innigen Verschwendung?
Nur welcher Schritt erhebt dich schließlich frei?

 

 

IV.
Du musstest ohne jede Chance streiten –
Erfolg kann keinem Recht als Zeichen gehn! –,
um Täuschung jedem Mute zu bereiten
und neuen Wunden sauber vorzusehn.

Und fühltest alle Hoffnung dir entrissen.
War sonst ein Ziel, das jede Tat geweiht,
barg alte Haut nun neuen Kern beflissen
aus blankem Zorn und schlichter Traurigkeit.

Du musstest der Versuchung offen werden:
„Wenn Wahrheit alle Macht besitzen kann,
mit Recht und ohne Beifallswort auf Erden,
so sprecht auch ihren Diener Herren an!“

Und wolltest dir die letzte Antwort bringen:
Soll Bosheit oder ihre Duldung sein?
Darf wer sich selbst bezwingt, die Menge zwingen?
Und ist das Glück auch ohne Siegen rein?

Nur welcher Schritt, auf dass sie wirklich sei,
der Mühen aller glückliche Vollendung,
der Sinn
und Grund der innigen Verschwendung?
Nur welcher Schritt erhebt dich schließlich frei?



Gerald Grundmann

© 2015 by Gerald Grundmann

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